Der Präsident

des Hessischen Bauernverbandes

Karsten Schmal

„Das Bewusstsein für Produkte aus der Region hat zugenommen“.

Einerseits Präsident des Hessischen Bauernverbandes, andererseits selbst Landwirt, hat Karsten Schmal nicht nur die Interessen der Hessischen Bauernfamilien im Blick, sondern weiß auch aus eigener Erfahrung, welche Vor- und Nachteile sich bisher aus der Corona-Pandemie für die hessische Landwirtschaft ergeben haben.

Im Interview mit „Echt Hessisch!“ berichtet Karsten Schmal über die gestiegene Wertschätzung der Verbraucher gegenüber regionaler Produkte und fordert auf, das Absatzpotential und die Chancen für die heimische Landwirtschaft, die sich aus der Corona-Krise ergeben, zu nutzen. In Hinblick auf die Reform der EU-Argarpolitik setzt der Agraringenieur auf eine einheitliche Umsetzung in allen EU-Mitgliedsstaaten, um Wettbewerbsverzerrungen zu vermeiden.

Wie wirkt sich die Corona-Krise auf die hessische Landwirtschaft aus?
Karsten Schmal: Alles in allem ist die hessische Landwirtschaft bislang verhältnismäßig gut durch die Corona-Krise gekommen. Je nach Betriebszweig war und ist die Betroffenheit unterschiedlich. Das Anfang April verhängte Einreiseverbot für osteuropäische Saisonarbeitskräfte führte insbesondere in den Sonderkulturbetrieben zu Engpässen bei der Spargel- und Erdbeerernte sowie bei der Aussaat und Pflanzarbeiten. Zunächst war eine Einreise nur per Flugzeug möglich. Das in diesem Zusammenhang vom Deutschen Bauernverband schnell eingerichtete Internetportal „Saisonarbeit 2020“ wurde von rund 2.300 Betrieben als hilfreiches Werkzeug dankbar angenommen. So konnten mehr als 40.000 Arbeitskräfte nach Deutschland einreisen.

Anbieter von Urlaub auf dem Bauernhof und Betriebe mit Landgasthöfen oder Cafés haben natürlich sehr unter den Corona-bedingten Schließungen in diesem Frühjahr und jetzt wieder im November gelitten.

Auch unsere Schweinehalter hat es sehr getroffen, weil große Schlachtunternehmen wegen Corona-Infektionen in der Belegschaft schließen mussten. Hinzu kam das erstmalige Auftreten der Afrikanischen Schweinepest in Deutschland, das zu einem massiven Verfall der Schweine- und Ferkelpreise führte. Ein Ende ist leider noch nicht in Sicht, weil wichtige Drittländer als Abnehmer von deutschen Schlachtschweinen Mitte September Importstopps verhängt haben. Exporte zum Beispiel nach China, Japan und Südkorea sind seitdem nicht mehr möglich.

Wie wird man zukünftig mit ausländischen Saisonkräften verfahren, solange es noch keinen Corona-Impfstoff gibt?
Karsten Schmal: Das ist einerseits abhängig von der Infektionslage in dem jeweiligen Herkunftsland, andererseits von der Situation vor Ort. Es ist klar, dass der Schutz der Gesundheit von Mitarbeitern und Kunden Priorität haben muss. Aufgrund der Erfahrungen aus diesem Frühjahr gibt es neben den allgemeinen AHAL-Regeln bewährte Quarantäne- und Hygienekonzepte, die konsequent umzusetzen sind. Die damit verbundenen höheren Produktionskosten sollten sich in höheren Erzeugerpreisen niederschlagen.

Können die Bauern auch eine positive Bilanz aus der Corona-Krise ziehen?
Karsten Schmal: Nach meinen Informationen konnten viele Direktvermarkter bessere Umsätze erzielen, weil ihre Produkte sich zunehmender Beliebtheit erfreuen. In den Zeiten des Lockdowns mussten Mensen, Kantinen und Restaurants schließen. Das hat dazu geführt, dass immer mehr Haushalte bzw. Verbraucher bei Direktvermarktern einkaufen. Sie schätzen die Qualität heimischer Erzeugnisse und kaufen bevorzugt in Hofläden und auf Bauernmärkten ein. Die Partnerbetriebe der MGH Gutes aus Hessen, die ihre Lebensmittel mit dem Qualitätszeichen „Geprüfte Qualität – Hessen“ kennzeichnen, haben ihre Umsätze sicherlich auch steigern können.

Gleich zu Beginn der Corona-Krise wurde die Landwirtschaft zu Recht als systemrelevant anerkannt. In diesem Zusammenhang erfuhren unsere Bäuerinnen und Bauern eine hohe Wertschätzung, die sie in den letzten Jahren sehr vermisst haben. Endlich wurde wahrgenommen, dass es nicht selbstverständlich ist, dass die Regale immer gefüllt und Lebensmittel über das ganze Jahr hinweg jederzeit verfügbar sind. Das Bewusstsein für Produkte aus der Region hat auf jeden Fall zugenommen. Dieses Absatzpotential müssen wir nutzen.

Was macht Hessens Landwirtschaft so besonders?
Karsten Schmal: Die hessische Landwirtschaft ist sehr vielfältig. Wir haben von allem etwas. Bei der Betriebsgröße liegt Hessen in der Mitte zwischen den norddeutschen und den süddeutschen Betrieben. In den vielen Mittelgebirgslagen gibt es eine starke Milchviehhaltung. In Nordhessen hat sich ein Veredlungsschwerpunkt mit leistungsfähigen Schweine- und Geflügelhaltern herausgebildet. Wir verfügen über hervorragende Ackerbauregionen und besonders in Südhessen befinden sich im Umfeld des Ballungsraums Rhein-Main erfolgreiche Sonderkulturbetriebe, die Gemüse, Obst und Wein anbauen.

Nicht nur in Großstädten, sondern auch in Kleinstädten sind in den letzten Jahren immer mehr Bauernmärkte entstanden, die von Direktvermarktern auch aus dem weiteren Umfeld beschickt werden. Immer mehr Verbraucher nutzen deren Angebote, nicht nur in Hofläden, sondern auch im Lebensmitteleinzelhandel. Der Handel hat die Vorteile von Produkten aus der Region längst erkannt und sein Sortiment entsprechend ausgeweitet. In Bezug auf den Klimaschutz achten Verbraucher verstärkt auf kurze Transportwege, Nachhaltigkeit und Regionalität. Daraus ergeben sich Chancen für die heimische Landwirtschaft.

In der vorletzten Oktober-Woche haben sich die EU-Agrarminister und das EU-Parlament auf Verhandlungspositionen zur Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik verständigt. Was bewerten Sie positiv, was ist negativ?
Karsten Schmal: Zunächst ist positiv zu werten, dass sich die EU-Agrarminister nach langen Verhandlungen endlich auf eine gemeinsame Position zur Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) geeinigt haben. Auch das Europaparlament hat dem Verhandlungsvorschlag der großen Fraktionen zugestimmt. Während der Agrarrat sich darauf verständigt hat, ein Mindestbudget von 20 Prozent aus der Ersten Säule für Eco-Schemes, das sind freiwillige, einjährige flächenbezogene Agrarumwelt- und Klimamaßnahmen, zu reservieren, geht das EU-Parlament mit seinem Vorschlag von 30 Prozent deutlich darüber hinaus. Das ist ein negativer Aspekt. Im Trilogverfahren muss jetzt eine abschließende Einigung herbeigeführt werden. Fest steht, dass die GAP künftig noch höhere Anforderungen an die Landwirtschaft stellen und sie noch „grüner“ machen wird. Es ist davon auszugehen, dass sich die Mittel für Agrarumweltmaßnahmen in Deutschland in der neuen Förderperiode mehr als verdoppeln werden, auf eine Größenordnung von rund 1,8 Milliarden Euro.

Die von den Mitgliedsstaaten noch zu konkretisierenden Agrarumweltmaßnahmen müssen praktikabel und ökonomisch tragfähig sein. Eine stabile Einkommenssicherung für unsere Betriebe bleibt unerlässlich. Darüber hinaus brauchen wir eine einheitliche Umsetzung in allen EU-Mitgliedsstaaten, um Wettbewerbsverzerrungen zu vermeiden. Ansonsten können wir mit dem vorliegenden Kompromiss leben, obwohl er uns viel abverlangt. Wir Landwirte stellen uns den damit verbundenen Herausforderungen im Klima- und Umweltschutz. Nach wie vor besteht unsere Kernaufgabe allerdings darin, die Lebensmittelversorgung unserer Bevölkerung, auch in Krisenzeiten, sicherzustellen. Das darf bei allen Diskussionen und Politikentscheidungen nicht vergessen werden.

Vielen Dank, Herr Schmal, dass Sie sich Zeit für dieses Interview genommen haben.