Der Vorsitzende des BÖLW Dr. Felix Prinz zu Löwenstein

„Ein Weiter-so ist nicht denkbar“.

Felix Prinz zu Löwen­stein ver­tritt die Inter­es­sen der öko­lo­gi­schen Lebens­mit­tel­wirt­schaft als beson­ders nach­hal­ti­ge Wirt­schafts­form. Als Chef des Öko-Dach­ver­ban­des macht er sich stark dafür, dass die Leis­tun­gen der öko­lo­gi­schen Lebens­mit­tel­wirt­schaft in Poli­tik und Gesell­schaft wahr­ge­nom­men und ent­spre­chen­de Rah­men­be­din­gun­gen für die Wei­ter­ent­wick­lung geschaf­fen wer­den. Im Inter­view mit „Echt Hes­sisch!“ spricht der Vor­sit­zen­de über not­wen­di­ge Rah­men­be­din­gun­gen für die Zukunft, ana­ly­siert die heu­ti­ge Agrar­po­li­tik und zeigt Lösungs­we­ge für Poli­tik und Land­wirt­schaft auf.

Wel­che Haupt-Kri­tik­punk­te rich­ten Sie an die indus­tri­el­le Landwirtschaft?
Prinz zu Löwen­stein: Unbe­streit­bar haben uns die Errun­gen­schaf­ten der Agrar­che­mie und deren Ein­satz in der Land­wirt­schaft enor­me Ertrags­fort­schrit­te beschert. Gleich­zei­tig müs­sen wir jedoch fest­stel­len, dass wir dafür mit der Zer­stö­rung der Pro­duk­ti­ons­grund­la­gen für die Land­wirt­schaft und damit für die Ernäh­rung der Zukunft bezah­len. Die dra­ma­ti­schen Kli­ma­ver­än­de­run­gen, an denen auch die Land­wirt­schaft ihren Anteil hat, die Ein­brü­che der bio­lo­gi­schen Viel­falt oder der Ver­lust an Boden­frucht­bar­keit machen das deut­lich. Ein Wei­ter-so ist des­halb nicht denkbar!

Wel­chen Nut­zen kann dem­ge­gen­über die Bio-Bran­che der Gesell­schaft bringen?
Prinz zu Löwen­stein: Die öko­lo­gi­sche Land­wirt­schaft bringt auf allen rele­van­ten Fel­dern gesell­schaft­li­che Leis­tun­gen, die drin­gend benö­tigt wer­den. Der Thü­nen Report 65, die bis­lang welt­weit größ­te Über­sichts­stu­die zu die­sem The­ma, lis­tet das beein­dru­ckend auf. Gleich­zei­tig ist Öko das ein­zi­ge Sys­tem, dem es gelun­gen ist, in einem eige­nen Markt Ver­brau­che­rin­nen und Ver­brau­cher dazu zu gewin­nen, mit ihrer Ein­kaufs­ent­schei­dung die­se Leis­tun­gen mög­lich zu machen. Bio-Ver­ar­bei­ter und –Händ­ler schaf­fen dafür die unab­ding­ba­ren Vor­aus­set­zun­gen. In einer an hand­werk­li­chen Ver­fah­ren ori­en­tier­ten Lebens­mit­tel­ver­ar­bei­tung, die ohne die meis­ten der übli­chen, teils kri­ti­schen Zusatz­stof­fe aus­kommt, wird die Qua­li­tät geschaf­fen, die immer mehr Kun­den begeistert.

Wel­che Rah­men­be­din­gun­gen benö­tigt es Ihrer Mei­nung nach zukünf­tig, um die öko­lo­gi­sche Lebens­mit­tel­wirt­schaft zu fördern?
Prinz zu Löwen­stein: Die Umset­zung des Euro­päi­schen Grü­nen Deals der Euro­päi­schen Kom­mis­si­on für Land­wirt­schaft sieht eine Aus­wei­tung des öko­lo­gi­schen Land­baus auf 25 Pro­zent bis 2030 vor. Das wird nur gelin­gen, wenn die För­der­instru­men­te der EU auf einen sol­chen Umbau aus­ge­rich­tet wer­den, was zur­zeit noch völ­lig unzu­rei­chend der Fall ist. Aber auch For­schung und Aus­bil­dung in Land­wirt­schaft, Lebens­mit­tel­hand­werk und Han­del müs­sen einem sol­chen Ziel Rech­nung tra­gen. In der Mit­tel­stands­för­de­rung eben­so wie in der Unter­stüt­zung regio­na­ler Wirt­schafts­kreis­läu­fe muss ein Schwer­punkt auf nach­hal­ti­ge Unter­neh­mens­kon­zep­te und mit­tel­stän­di­sche Lebens­mit­tel­ver­ar­bei­tung gelegt wer­den. Und auch im Ein­kaufs­ver­hal­ten der öffent­li­chen Hand – von Schu­len über Kan­ti­nen in Minis­te­ri­en bis hin zur Bun­des­wehr – muss sich eine sol­che Ziel­set­zung nie­der­schla­gen, wenn sie glaub­wür­dig sein will.

Der Kli­ma­wan­del macht der Land­wirt­schaft immer mehr zu schaf­fen. Was kann der öko­lo­gisch wirt­schaf­ten­de Bau­er dage­gen tun?
Prinz zu Löwen­stein: Öko­land­bau als Sys­tem ist durch reich­hal­ti­ge Frucht­fol­gen und ten­den­zi­ell posi­ti­ve Humus-Bilan­zen „resi­li­en­ter“ für die Ver­än­de­run­gen auf­ge­stellt, die die Kli­ma­kri­se mit sich bringt. Ob Böden bes­ser Was­ser auf­neh­men und hal­ten kön­nen, wird immer wich­ti­ger. Vie­le Bio­bau­ern tun gut dar­an, sich an dem zu ori­en­tie­ren, was eini­ge Pio­nie­re – auch aus der kon­ven­tio­nel­len Land­wirt­schaft – heu­te schon kön­nen. Auch dür­fen wir uns nicht nur auf Schlag-Ebe­ne mit dem The­ma aus­ein­an­der­set­zen. Die Kli­ma­kri­se zwingt uns, in gan­zen Agrar­land­schaf­ten zu den­ken, in denen wir durch ganz­jäh­ri­ges Grün und durch die Rück­hal­tung von Was­ser für Küh­lung sorgen.

Auch die wirt­schaft­li­che Situa­ti­on auf den Höfen wird immer schlim­mer. Was kann hier die Agrar-Poli­tik ausrichten?
Prinz zu Löwen­stein: Die Agrar­po­li­tik bestimmt mit Mil­li­ar­den, wel­che Land­wirt­schaft sich lohnt. Nicht nur öko­lo­gi­sche Grün­de zwin­gen uns zum Umden­ken. Auch die öko­no­mi­sche Situa­ti­on wird bei vie­len Betrie­ben immer schlech­ter und die Bereit­schaft, einen Betrieb in die nächs­te Genera­ti­on zu füh­ren, schwin­det auf immer mehr Höfen. Eine Agrar­po­li­tik, die seit Jahr­zehn­ten ihr Geld mit der Gieß­kan­ne aus­bringt, indem sie die­je­ni­gen am ehes­ten belohnt, die die meis­ten Hekt­ar ihr Eigen nen­nen, hat das offen­sicht­lich nicht ver­hin­dern kön­nen. Wir müs­sen die Agrar­mil­li­ar­den dafür ein­set­zen, dass Bäue­rin­nen und Bau­ern aus Leis­tun­gen ein Ein­kom­men erwirt­schaf­ten. Leis­tun­gen, die die Gesell­schaft von ihnen braucht, für die der Markt sie aber nicht bezahlt.
Eine Agrar­po­li­tik, die auf die Wett­be­werbs­fä­hig­keit in anony­men Welt­märk­ten setzt, führt für die bäu­er­li­chen Betrie­be ins Abseits. Es wird auch dar­auf ankom­men, inter­na­tio­na­le Han­dels­ab­kom­men so zu gestal­ten, dass höhe­re Stan­dards nicht durch bil­li­ge Impor­te aus Dritt­län­dern unter­lau­fen wer­den können.

Her­aus­for­de­run­gen gibt es vie­le. Wel­chen Lösungs­an­teil rech­nen Sie der Poli­tik zu, wel­chen der öko­lo­gi­schen Land­wirt­schaft selbst?
Prinz zu Löwen­stein: Weil Land­wirt­schaft mehr als alle ande­ren Wirt­schafts­zwei­ge mit öffent­li­chen Gütern umgeht, müs­sen die Regie­ren­den Rah­men­be­din­gun­gen so schaf­fen und För­der­mit­tel so ein­set­zen, dass die­se geschützt wer­den. Sie muss aber auch dafür sor­gen, dass Prei­se die Wahr­heit spre­chen: Solan­ge der­je­ni­ge auf dem Markt die bes­ten Chan­cen hat, dem es am meis­ten gelingt, die Kos­ten sei­ner Pro­duk­ti­on auf der All­ge­mein­heit abzu­la­den – zum Bei­spiel durch Belas­tung des Grund­was­sers oder der Bio­di­ver­si­tät -, solan­ge wird die fal­sche Form des Wirt­schaf­tens die ren­ta­ble­re blei­ben. Was ganz sicher nicht funk­tio­niert: Wenn die Regie­run­gen sich aus der Ver­ant­wor­tung zie­hen, indem sie nur ein Label nach dem ande­ren schaf­fen, um die Pro­blem­lö­sung den ein­zel­nen Kun­den zu überlassen.
Der öko­lo­gi­sche Land­bau kann durch die Begren­zun­gen, die ihm durch sei­ne Richt­li­ni­en gesetzt sind, die Lösun­gen erar­bei­ten, die am Ende alle brau­chen, um nach­hal­tig zu wirt­schaf­ten. Wenn ich beob­ach­te, wie mei­ne kon­ven­tio­nel­len Nach­barn zuneh­mend auf unse­re mecha­ni­schen Lösun­gen zur Unkraut-Regu­lie­rung zurück­grei­fen, habe ich ein kon­kre­tes Bild davon, wie das funk­tio­nie­ren kann.

Nen­nen Sie drei Wün­sche, die Sie an einen nach­hal­ti­gen Öko­land­bau haben.
Prinz zu Löwen­stein: Die wich­tigs­te Her­aus­for­de­rung ist die, sta­bi­le Sys­te­me so zu schaf­fen, dass sie ohne Krü­cken von außen funk­tio­nie­ren. Vor allem ohne che­misch-syn­the­ti­sche Pes­ti­zi­de und Dün­ge­mit­tel, die im kon­ven­tio­nel­len Land­bau auf 100 Pro­zent der Flä­che ein­ge­setzt wer­den. Im Öko­land­bau wer­den auf 5 Pro­zent der Flä­che Pes­ti­zi­de mine­ra­li­schen oder natür­li­chen Ursprungs ein­ge­setzt – und zwar auf Dau­er­kul­tu­ren, Gemü­se und Kar­tof­feln. Prak­ti­ker und Wis­sen­schaft­ler arbei­ten hier an Lösun­gen. Vor­bild dafür sind natür­li­che Sys­te­me und ihre Regel­me­cha­nis­men, deren wich­tigs­tes Grund­prin­zip ist Viel­falt. Auch in der Humus­wirt­schaft müs­sen wir – dies­mal auf der gesam­ten Flä­che – effek­ti­ver wer­den. Ein­zel­ne Vor­den­ker unter den Betrie­ben zei­gen schon prak­tisch, wohin das gehen kann.
In der Tier­hal­tung ist es eine der gro­ßen Her­aus­for­de­run­gen, Zucht­li­ni­en zu ent­wi­ckeln, die auf die Bedin­gun­gen einer art­ge­rech­ten Tier­hal­tung ange­passt sind. Das ist eine Auf­ga­be, die enor­me Inves­ti­tio­nen voraussetzt.

Zeich­nen Sie uns bit­te aus heu­ti­ger Sicht ein Zukunfts­sze­na­rio für unse­re Land­wirt­schaft auf.
Prinz zu Löwen­stein: Die Ero­si­on unse­rer natür­li­chen Lebens­grund­la­gen hat ein sol­ches Tem­po ange­nom­men, dass die Ver­än­de­rung unse­res Wirt­schaf­tens nicht mehr auf die lan­ge Bank gescho­ben wer­den darf. Ich wür­de mir wün­schen, dass die Land­wirt­schaft selbst dar­stellt, wel­che Ver­än­de­run­gen nötig sind und wie sie in 20 oder 30 Jah­ren wirt­schaf­ten will. Nur dann kom­men Bäue­rin­nen und Bau­ern wie­der in die Dis­kus­si­on mit der Gesell­schaft, wie der Weg dort­hin zu gestal­ten ist. Stellt man sich aber auf den Stand­punkt, dass alles an der heu­ti­gen Pra­xis rich­tig und gut ist, hat man sich aus die­ser Zukunfts­dis­kus­si­on verabschiedet!

Vie­len Dank, Herr Felix Prinz zu Löwen­stein, dass Sie sich die Zeit für die­ses Inter­view genom­men haben.

Foto Dr. Felix Prinz zu Löwenstein