Die soziale Landwirtschaft der Hephata Diakonie

„Bio, regional und sozial“

Die Sozia­le Reha­bi­li­ta­ti­on der Hepha­ta Dia­ko­nie in Nord­hes­sen steht für sozia­le Land­wirt­schaft nach Bio­land-Richt­li­ni­en und nutzt dar­über hin­aus das Sie­gel „Bio aus Hes­sen“ zur Kenn­zeich­nung der regio­na­len Her­kunft. Die fünf Ein­rich­tun­gen sind aner­kann­te Werk­stät­ten für Men­schen mit Behin­de­run­gen (WfbM). Hier arbei­ten ins­ge­samt rund 200 Men­schen mit und ohne Behin­de­run­gen. Die vier Land­wirt­schaf­ten bie­ten auch ange­glie­der­te Wohn­for­men, in denen der­zeit rund 80 Frau­en und Män­ner leben. Im Inter­view mit „Echt hes­sisch“ erklärt Micha­el Tiet­ze, was die fünf Betrie­be für die Bio­di­ver­si­tät tun und wel­che Bedeu­tung sie für die Regi­on haben.

Wofür steht die sozia­le Land­wirt­schaft der Hepha­ta Diakonie?
Micha­el Tiet­ze: „Wir sind Bio, regio­nal und sozi­al“ – unter die­sem Mot­to ste­hen unse­re Land­wirt­schaft und Metz­ge­rei seit 22 Jah­ren. Bio, weil die von uns pro­du­zier­ten Nah­rungs­mit­tel hoch­wer­tig, nicht gespritzt oder gen­ver­än­dert und die Grund­la­ge für eine gesun­de Ernäh­rung sind. Wir pro­du­zie­ren aber nicht nur selbst, son­dern ver­pa­cken und schä­len auch Bio-Nah­rungs­mit­tel ande­rer Land­wirt­schaf­ten. Regio­nal, weil wir in unse­rer Regi­on Ver­ant­wor­tung für einen res­sour­cen­scho­nen­den Umgang mit der Schöp­fung über­neh­men. Sozi­al, weil wir Men­schen mit Behin­de­run­gen eine sinn­stif­ten­de Arbeit für das Gemein­wohl bieten.

Wel­che Phi­lo­so­phie ver­fol­gen Sie dabei?
Micha­el Tiet­ze: Wir sind eine dia­ko­ni­sche Ein­rich­tung. Über unse­rer Arbeit steht die Ach­tung vor der Schöp­fung. Jedes Lebe­we­sen ist von Gott gewollt. Jedes Lebe­we­sen ist ein­zig­ar­tig und ver­dient Respekt.

In ers­ter Linie wol­len wir Men­schen mit Behin­de­run­gen die sozia­le und beruf­li­che Teil­ha­be ermög­li­chen. Unse­re Land­wirt­schaf­ten und Metz­ge­rei bie­ten dafür idea­le Vor­aus­set­zun­gen: Eine Arbeit im Ein­klang von Mensch und Natur. Vie­le ver­schie­de­ne Berei­che und Auf­ga­ben. Ver­ant­wor­tung für Tie­re. Arbeits­er­geb­nis­se, die Sinn und stolz machen, denn wir pro­du­zie­ren hoch­wer­ti­ge und gesun­de Lebensmittel.

In zwei­ter Linie bil­den unse­re vier Höfe und der Metz­ger­be­trieb Als­fel­der Bio­Fleisch eine regio­na­le Wert­schöp­fungs­ket­te, die nach den Bio­land- und den „Bio aus Hessen“-Richtlinien zer­ti­fi­ziert ist. Das betrifft die Bewirt­schaf­tung des Acker­lan­des und des Dau­er­grün­lan­des, geht über die Fut­ter­pro­duk­ti­on, Tier­zucht und ‑hal­tung bis hin zur Schlach­tung und Ver­ar­bei­tung des Flei­sches. Bei­spiels­wei­se füh­ren wir eine annä­hernd ganz­jäh­ri­ge Boden­be­de­ckung zur Stei­ge­rung der Boden­frucht­bar­keit durch, för­dern damit aber auch Bio­di­ver­si­tät und bie­ten Wild­tie­ren eine art­ge­rech­te Äsung. Zur Stei­ge­rung der Bio­di­ver­si­tät gehört auch, dass wir Feld­ge­höl­ze und Schat­ten­bäu­me auf den Vieh­wei­den und Streu­obst­wie­sen pflanzen.

Über wie vie­le Acker- und Grün­land­flä­chen ver­fü­gen die Hephata-Landwirtschaften?
Micha­el Tiet­ze: Zwei unse­rer vier land­wirt­schaft­li­chen Stand­or­te ver­fü­gen neben der Tier­hal­tung, den Schäl- und Abpack­be­trie­ben auch über Acker- und Grün­land­flä­chen. Für das Gut Hal­bers­dorf sind dies über 60 Hekt­ar zusam­men­hän­gen­des Dau­er­grün­land. Die­ses wird über­wie­gend als Wei­de für eine 60-köp­fi­ge Mut­ter­kuh­her­de genutzt, außer­dem auch für Sila­ge oder Heu. Zudem hal­ten wir auf Gut Hal­bers­dorf 80 Mastschweine.
Das Hof­gut Riche­ro­de bewirt­schaf­tet 155 Hekt­ar Acker­land und 78 Hekt­ar Dau­er­grün­land. Zwei Drit­tel davon lie­gen unmit­tel­ba­rer Hof­nä­he. Hier hal­ten wir 180 Mast­schwei­ne, 460 Lege­hen­nen, 42 Mast­rin­der und 58 Mastbullen.

Auf unse­rem Geflü­gel­hof Leu­de­ro­de leben 900 Hüh­ner und 50 Häh­ne. Auf dem Zechen­hof wer­den Bio-Nah­rungs­mit­tel verpackt.

Wie arbei­ten Sie in der Landwirtschaft?
Micha­el Tiet­ze: Aktu­ell arbei­ten wir im Acker­bau in einer sie­ben­glied­ri­gen Frucht­fol­ge zu jeweils 22 Hekt­ar Anteil: Win­ter­gers­te. Klee­gras mit drei Schnit­ten. Som­mer­wei­zen. Win­ter­rog­gen. Spei­se­kar­tof­feln und im Rand­be­reich Hafer. Jeweils 50 Pro­zent Din­kel und Tri­ti­ca­le. Sowie jeweils 50 Pro­zent Acker­boh­nen oder Körnererbsen.

Die Kul­tu­ren Win­ter­gers­te, Tri­ti­ca­le, Hafer, Acker­boh­nen und Kör­ner­erb­sen wer­den ein­ge­la­gert und zur Vieh­füt­te­rung der Tie­re in Hal­bers­dorf, Leu­de­ro­de und Riche­ro­de ver­wen­det. Das Klee­gras wird zur Win­ter­füt­te­rung des Rind­vieh­be­stands genutzt.
Im ver­gan­ge­nen Jahr haben wir 143 Ton­nen Zwie­beln, 43 Ton­nen Möh­ren, 170 Ton­nen Kür­bis­se, 530 Ton­nen Pack­wa­re Kar­tof­feln, 130 Ton­nen Schäl­wa­re Kar­tof­feln und 5.854.330 Eier verarbeitet.

Haben Sie einen Hof­la­den und wel­che Pro­duk­te ver­kau­fen Sie dort?
Micha­el Tiet­ze: Auf dem Hof­gut Riche­ro­de und auf dem Gelän­de von Als­fel­der Bio­Fleisch gibt es einen Laden­ver­kauf. Dort ver­kau­fen wir eige­ne Erzeug­nis­se wie Wurst- und Fleisch­wa­ren, Kar­tof­feln und Eier sowie regio­na­le Bio­land-Pro­duk­te wie Gewür­ze und Nudeln. Pan­de­mie­be­dingt ist aktu­ell nur der Laden­ver­kauf von Als­fel­der Bio­Fleisch, Pfarr­wie­sen­weg 5, 36304 Als­feld, mitt­wochs und frei­tags von 8 bis 14 Uhr, geöffnet.

An wen lie­fern Sie Ihre Produkte?
Micha­el Tiet­ze: Wir belie­fern den Lebens­mit­tel-Ein­zel­han­del. Außer­dem lie­fern wir geschäl­te Kar­tof­feln, Möh­ren und Zwie­beln an 100 Part­ner, unter ande­rem an die Uni­ver­si­tät Kas­sel und meh­re­re Kindertagesstätten.

Wel­che Bedeu­tung hat Ihr Hof­gut für die Region?
Micha­el Tiet­ze: Wir ver­kau­fen, ver­pa­cken und schä­len auch die Pro­duk­te von regio­na­len Bio-Land­wirt­schaf­ten. Das sind Betrie­be, die zu klein sind, um allei­ne am Lebens­mit­tel­markt auf­zu­tre­ten, aber zu groß, um nur mit einem Direkt­ver­trieb agie­ren zu kön­nen. So unter­stüt­zen wir 20 klein­glied­ri­ge Landwirtschaften.

Wel­che Wün­sche für die Zukunft haben Sie?
Micha­el Tiet­ze: Die Ver­mark­tung von Bio-Kar­tof­feln wird immer schwie­ri­ger. Vie­le Men­schen wol­len Bio, aber nicht den Preis für eine hoch­wer­ti­ge Bio­land-Qua­li­tät bezah­len. Vie­le Kun­den set­zen dann auf das EU-Bio-Sie­gel. Ich wün­sche mir, dass die Wahr­neh­mung der Qua­li­tät und der zusätz­li­chen sozia­len Kom­po­nen­te unse­rer Pro­duk­te wert­ge­schätzt wird.

Herr Tiet­ze, vie­len Dank für das Interview.

 

Mann sitzt mit Huhn auf dem Schoß